Palastsachen

Dinge in Räumen und Praktiken frühneizeitlicher Höfe

Das geplante Forschungsvorhaben beschäftigt sich mit dingbezogenen Praktiken europäischer Eliten vom späten 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert und fragt danach, wie durch intentionales wie spontanes Handeln der beteiligten Akteure mit und durch Dinge die Räume der Residenzen in ihrer materiellen und symbolischen Präsenz konstituiert werden. Das besondere Interesse gilt damit materiellen Dimensionen der sozialen und architektonischen Raumdynamiken, die in den europäischen Palastwelten der Frühen Neuzeit beobachtet werden können. Als Orte eines verdichteten sozialen Handelns und einer besonders reichen Dingkultur rücken Paläste der frühneuzeitlichen Residenzen ins Zentrum des geplanten Forschungsvorhabens. In ihrer Funktion als Sitz des Hofes zeichnen sich Residenzen in einer besonderen Weise durch eine evidente Engführung von politischem Handeln sowie Kunst- und Wissensproduktion aus. Als Macht- und Patronagezentren erfüllen sie stabilisierende Aufgaben auf verschiedenen Ebenen und dienen u.a. einer sichtbaren Verräumlichung sozialer Ordnungen und ästhetischer Normen. Verstanden als ein Personenverband ist der Hof zugleich gekennzeichnet durch eine auffällige soziale wie räumliche Mobilität. Daher fungieren Residenzen auch als privilegierte Orte für Transferprozesse, in die stets sowohl Menschen als auch Dinge eingebunden sind.
Das Vorhaben geht von einer solchen körperlichen und materiellen Verankerung raumkonstituierender Praktiken aus. Mit dieser Vorannahme ist die Frage nach den Konsequenzen für Raumdynamiken verbunden, die mit Blick auf die höfischen Praktiken frühneuzeitlicher europäischer Residenzen entstehen, wenn man Dinge und Personen programmatisch als handlungsberechtigte Aktanten („actants“, Bruno Latour) auffasst. An den Prozessen von Konstruktionen und Transformationen von Palasträumen der Residenzen sind somit diverse aktive Teilnehmer – soziale und materiale Aktanten, individuelle und kollektive Institutionen und Akteure – beteiligt. Aus den Wechselbeziehungen dieser Aktanten und Akteure, so eine weitere Vorannahme, gehen Dynamiken hervor, die räumliche Ordnungen generieren, negieren oder stabilisieren und in materieller Präsenz sichtbar und erlebbar machen. Das Vorhaben will untersuchen, inwieweit dabei auch Dinge in ihrer materiell-stofflichen, zeichenhaft-symbolischen und performativen Dimension eine entscheidende aktive Rolle spielen. Eine weitere Frage zielt nach der Stabilität von architektonischen Räumen und nach der Wiederholbarkeit von Praktiken und materieller Präsenzen, die jeweils in eigener Weise auch für die Festigung höfischer Hierarchien maßgeblich sind. Dabei sind alle Aktanten des Hofes selbst innerhalb der höfischen Hierarchie auch buchstäblich räumlich organisiert wofür die Raumordnungen der Paläste das prominenteste Beispiel liefern.

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Oy-Marra
Projektmitarbeiter: Dr. Anna Ananieva
Weitere beteiligte Personen: Univ.-Prof. Dr. Jan Kusber, Univ.-Prof. Dr. Matthias Müller, Jun.-Prof. Dr. Gesa zur Nieden, Univ.-Prof. Dr. Klaus Pietschmann, Univ.-Prof. Dr. Matthias Schnettger